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Sep 15 2022 Furcht und Gier oder:
Das Grundproblem der Audiodeskription im Tanz ist sehr eng mit dem Kern des Tanzes, der Bewegung und ihrer Beschreibung verbunden. Die Bewegung sprachlich zu erfassen ist die allererste und zugleich niemals glücklich ganz zu lösende Schwierigkeit. Grundsätzlich stehen hier zwei Strategien zur Verfügung, die nach Meinung des blinden Autors nur ineinander greifend zu handhaben sein sollten, die niemals dogmatisch gegeneinander gelesen werden sollten. Da ist einerseits die, die Bewegung und den Bewegungsablauf zusammenfassende Beschreibung, die sich immer am Rande der zu vermeidenden Interpretation des Gesehenen bewegt, da ist andererseits die sehr detaillierte Beschreibung der einzelnen Bewegungen, die beim blinden Hörer nicht selten aber zur Verwirrung und zum Nichtverstehen führt.
Aug 18 2022 Von Sinnen als ästhetisches Prinzip:
Blindheit heißt sich nicht allein von Sprache durch Welt führen zu lassen, es heißt die eigene Körpererfahrung körperlich ernst zu nehmen, um sich von den eigenen sinnlichen Erfahrungen durch Situation und Ereignis von Welt hindurchführen zu lassen.
Jul 20 2022 Gravity sucht einen Weg hinein in das Dunkel oder:
Eine Idee sucht sich ihren Körper und findet zwei Sehende und einen Blinden, die ihr dabei behilflich sind. Eine Idee dekliniert sich nicht mehr allein in Worten durch, spielt sich hinein in mehrere Körper, bringt sie zu Ausdruck und lässt sie darin mit einander kommunizieren: bringt sie zum tanzen.
Apr 2 2022 Die Audiodeskription als Tanz durch die Bilder der Blindheit
Der blinde Körper sieht sich nicht. Zwar sieht auch der sehende Körper nur einen Teil von sich. Dennoch glaubt er, von sich als seinem Bild als von einem Ganzen sprechen zu können. Der Begriff, gestützt auf das Bild, unterstützt diese Illusion und ermöglicht so, dass Blinde und Sehende überhaupt vom Selben sprechen können, ohne vom ersten Moment an sich missverstehen zu müssen. Was Sprache hier leistet, ist einerseits eine Ermöglichung von Kommunikation zwischen beiden, es ist aber zugleich eine Einschränkung des Körpererlebens, eine Reduktion leibhaftiger Erfahrung. Während der Begriff den Körper wie seine Bewegung anspricht, beides sich als inneres Bild im Körper des Blinden sozusagen empathisch erahnen lässt, ist der eigentliche Vollzug der Körperbewegung ein Fleischwerden des Begriffes, das weit über den Prozess einer inneren Einbildung, einer Imagination, der Erahnung von Körperzustand wie Handlung hinausgeht. Das Fehlen eines gesehenen Bildes des eigenen Körpers, des eigenen Gesichts scheint zunächst ein Makel zu sein. Tatsächlich sind die Blinden dadurch gezwungen aus der Haut heraus sich und ihre Beziehung zur Welt zu erspüren, ohne dass ihnen dabei das Bild zur Hilfe käme. Das Fehlen des Bildes bedeutet aber auch die Möglichkeit einer Unmittelbarkeit, die Möglichkeit ohne Reduktion auf das Bild und seine Urteile und Vorurteile an Mensch und Welt herantreten zu können. Kein Mensch tritt aber ohne solcherlei Urteile an Mensch und Welt heran. Wir haben also immer einen ganzen Werkzeugkasten für die Beurteilung der Welt sowie für das Verhalten in der Welt. Kunst kann ein Teil eines solchen Werkzeugkastens sein und Zeitgenössischer Tanz ein sehr differenziertes Werkzeug für Betrachtung und Erleben von Welt. Blindheit wiederum ist der Körperlichkeit des Zeitgenössischen Tanzes von der Bildlosigkeit von vorneherein sehr nahe. Wird sie aber durch Audiodeskription dem Blinden vermeintlich nahe gebracht, wird sie, wenn es sich dabei um herkömmliche Beschreibungen von Handlungen und Formen handelt, in einer erneuten Reduktion verkrüppelt. Zeitgenössischer Tanz bietet die Möglichkeit in Haptic-Access-Tours durch körperliches Mit-Empfinden in einer Sprache, die auf die reale Fleischlichkeit von Körpern setzt, sich nicht nur in die eigentliche Performance hineinzuleben, sie erwirkt sich im Miterleben zugleich eine ganz andere Sensitivität für den eigenen Körper und seine Möglichkeiten. Zeitgenössischem Tanz beizuwohnen heißt, ein körperliches Denken kollektiv pflegen zu können, ein Denken sich anzueignen, das das ganze Denken noch einmal von einer ganz anderen Richtung in sich erfahren lässt: vom eigenen Körper aus denken, den Kopf nicht ausschalten, ihn aber auf das hin zu reflektieren, was er tatsächlich ist, denkender, empfindender sensitiver Körper und leibhaftiges Fleisch im Körper.
Jan 16 2022 Der Raum, die Zeit und das Unsichtbare
Bildlos fährt die Hand über Glas, stößt auf Stahl um hernach wieder auf Glas zu stoßen. Jemand öffnet eine Tür. Dezent kommt Lärm heraus und mischt sich mit dem Lärm der Straße. Der Blinde geht hinein, lässt sich von einem anderen Raumvolumen erfüllen, das das vorherige in die Erinnerung verbannt. Am Arm seiner Assistentin geht er hinunter und bekommt eine weitere Tür geöffnet. Ein vielgliedriger Organismus greift akustisch mit Geräuschen, Tönen, mit Schlagzeuggetrommel, mit unterschiedlichen Stimmen nach ihm, sucht ihn zu betören mit einem Geflecht an Ereignissen. Keine Wucht tritt da auf um ihn einfach zu überwältigen, eher ist es ein Locken, das ihn in sich hineinzuziehen sucht, wie einst die Sirenen den griechischen Helden verführerisch zu sich zu ziehen suchten, wie auch damals etwas, das auch hier eine unglaubliche Neugierde auslöst, die den Blinden an sich bindet. Tonspuren, Bildbeschreibungen, Musik vom Projektor, vom Band, wie Life eingespielt… Blinde sollten nicht versuchen, über Bildbeschreibungen sich der Installation anzunähern, Bilder sind hier Nebenerscheinungen, die irreführen, wie der Ton nicht weniger in einen Irrgarten führt um den Blinden bildlos einfach wieder zu verlassen.
Aug 14 2021 Getanzte Aufforderung zur Utopielosigkeit
In seiner berühmt gewordenen Erinnerung an eine Madelaine lässt Marcelle Proust seinen Helden Marcelle durch ein Stück Kuchen in Verbindung mit Lindenblütentee das Bild seiner Vergangenheit aufsteigen, ein sinnliches Erlebnis also, das unwillkürlich ein vergangenes erlebtes Bild im Protagonisten hervorruft. Die Körpersinne rufen also Bilder im Kopf eines Menschen hervor, die vorher von den Augen gesehen wurden. Was aber, wenn Gesehenes beschrieben wird, um in der Beschreibung in blinden wie sehenden Körpern Bewegung und Tanz leibhaft werden zu lassen, sich einfleischen zu lassen.
Jul 19 2021 Triaden des Vertrauens II
Das bildlose Bild des blinden Fotografen vermittelt sich durch Gespür und Stimme.
Jul 18 2021 Triaden des Vertrauens I
Der französische Philosoph Emmanuel Levinas lässt einen Blinden nachts mit einer Fackel auf der Straße gehen, der gefragt, warum er als Blinder eine Fackel trage, wo er doch nichts sehe, diesen antworten lässt: damit er gesehen werde.
Apr 7 2021 Vom Berühren eines Risses
Für den Erblindeten ist das Fehlen eines visuellen Bildes die Freisetzung einer Flut von inneren Bildern, in die ihn alle seine Sinne von allen Seiten her hineinstoßen. Berührt der Erblindete Gegenstände, so äußert sich diese Berührung in Gestalt von Bildern, die in ihm entstehen. Ähnlich das Geräusch, der Geruch: ohne ein visuelles Bild überfluten den Blinden all seine Sinneserfahrungen mit Bildern, weil sie eben von keinem visuellen Bild in Schach gehalten werden, sie von ihnen dominiert, ja domestiziert werden, kein visuelles Bild sie hinter sich schiebt, sie hinter sich versteckt.
Mär 12 2021 Die Wiedergänger oder "Die Gliedmaßen in den Körpern sammeln"
Der folgende Text ist streckenweise ein Protokoll der körperlichen Wirkung von Zitaten einer Deskription, genauer, ihrer Verkörperung, vielleicht Einkörperung. Ein Protokoll einer Körperwerdung des Tanzes aus dem Wort, die Geburt des Tanzes aus dem Geist des beschreibenden Wortes, die Tanzwerdung als Erinnerung seiner Bewegungen aus den gespürten Bewegungen der Xenia Taniko, die in ihrer Wortwahl den Blinden derart ansteckend begegnet, dass sich aus ihren Beschreibungen der Tanz selbst im Körper des Blinden niederschlägt.

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