Scherben auf die hörbar gestoßen wird, der Performer blickt in Braunschweig im Figurentheater Fadenschein nach oben, als wäre dort ihr Ursprung zu finden, als wäre dort die Idee ihrer Ganzheit zu suchen. Vielleicht flog es von dort oben auch herab, vielleicht hat ein Scherbenhaufen auch etwas Göttliches.

Die Scherben als erste und ganz körperliche Form des Chaos, das nach Benennung ruft, das nach etwas ruft, was das Chaos verursacht hat, wo auf Erden doch Ordnung herrscht. Oder doch nicht?

Ein blinder Mann bei der Tastführung auf der Bühne, er wird zu etwas geführt, was ihm als ein Instrument vorgestellt wird. Er ertastet ein längeres Brett, das vertikal mit Stahlsaiten bespannt ist. Sie klingen wie die eines E-Basses.

Die Musik-Stele als erste Brandung gegen das Chaos, die freilich nach ihrer Spielweise sucht, um die Möglichkeiten des Tones in Klang und Rhythmus einzuhegen, zu ordnen.

Immer wieder nach Namen und Abgrenzungen von Namen gegen Namen gesucht, nachdem Bilder und Bilder aus Bildern sich zu neuen Wirklichkeiten verschmelzen, Geräusche Wirklichkeiten hervorbringen oder negieren.

Weisen des Umgangs mit den Seiten gefunden, Streichen und Zupfen als akustische Erinnerung oder Annäherungen an Fliegen.

Der Geigenbogen, das Zupfen der Saiten, das Streichen der Saiten das unbekannte Instrument, das Bekanntes hervorbringt, aber auch nur, um es unbenannt, vielleicht unbenennbar im Raum stehen zu lassen.

Das Insekt als Modell mit insektenhaften Eigenschaften also. Später die Frage: ist das Instrument eine Fliege.

Die Eigenschaft, die anderes zu einem zugehörigen Subjekt machen kann, oder wenigstens zu einem Objekt: alle Grammatik vielleicht durch Wirklichkeit verunsichert.

Die Einhegung in Insektengeräusche zu Beginn, irgendwann wird man sich fragen, ob es wirklich Insekten waren.

¡ver-rückt! © Jörg Metzner

¡\Ver-rückt! Versuche zu Chaos, Fliegen und Maschinen

Die Schaubude Berlin spielt mit Wirklichkeiten und nicht nur für Kinder

Von der Decke hängend drei große Kokons, vorne zwei Podeste, ein alter Projektor. Auf dem Boden mittig ein Scherbenhaufen.

Ein Mann. Er sucht. Er erinnert sich. Er geht.

Er kommt wieder. Er bringt eine große Grille auf die Bühne, an die er wohl dachte, an die er sich erinnerte, die fehlte, in seinen Überlegungen fehlte.

Er hängt die Grille zu zwei bereits vorhandenen Grillen, die alle drei zusammen ausgeleuchtet werden. Die Scherben auf dem Boden, als er sie entdeckt schaut er nach oben, als ob er nach ihrer Herkunft forschen würde. Er kehrt die Scherben zusammen. Was sind Scherben. Sie sind das Ergebnis eines Vorganges, der einen Gegenstand in einem anderen Zustand, den man vielleicht als ganz oder vollständiger bezeichnen könnte, voraussetzt. Sie sind aber auch ein Hinweis auf einen zertrümmerten Kokon, der zertrümmerte Kokon einer Flüssigkeit und jedes Gefäß ist ein Kokon für seinen Inhalt. Das Insekt entschlüpft einem anderen Kokon, um zu sich zu kommen, um verwandelt zu werden, oder überhaupt geboren werden zu können.

Der Mann nimmt ein kleines Podest setzt sich darauf und beginnt auf einen Projektor zu zeichnen.

Hinten in einem der Kokons, die von der Decke hängen beginnt sich etwas zu bewegen. Der Mann stellt ein Podest unter diesen Kokon und eine Zehe, ein Fuß kommt aus dem Kokon. Der Kokon fällt ab. Eine Frau. Kopfüber hängt eine Frau von der Decke an einem Gurt um ihre Hüften. Grell leuchtet sie ein Scheinwerfer aus und sorgt dafür, dass sie einen Schatten an die Wand wirft, der wiederum an ein Insekt erinnert. Sie Hat die Beine angewinkelt und ihre Arme erinnern an Fühler.

Während dessen zeichnet der Mann auf dem Projektor weiter. Das Gezeichnete erscheint an der Wand, es sind die Flügel einer Fliege, es wird der Körper einer Fliege, eine Fliege entsteht. Eine Fliege wird aus der Zeichnung lebendig. Vor der Fliege fürchtet sich die Frau, schlägt nach ihr und wir hören sie, die Fliege, das Schlagen nach ihr.

Die Frau beginnt zu sprechen. „Ich bin Alpha“ und dann erzählt sie auf Griechisch, dass sie schon immer fliegen wollte und der Mann übersetzt in einem Italienischen Akzent auf Deutsch und imitiert die Flugbewegungen eines Menschen, die Alpha dem Publikum vormacht. Sinnlose Bewegungen zweier Menschen. „Fliegen und Fliegen“, so Alpha und der Mann übersetzt ins Italienische. Fliegen und fliegen sind zwei ganz unterschiedliche Dinge, das eine spricht von einer Tätigkeit, die mit Eigenschaften zu tun hat, das andere von einem Wesen, das die Eigenschaften, die es zur Tätigkeit fliegen befähigt, hat.

Alpha zieht die Schuhe an, die vorne auf sie warten. Alpha und Stefano begrüßen sich mit dem Ellbogen.

Ein selbstgebautes Instrument, eine Art Stele mit vertikal gespannten Saiten, so hoch wie Alpha, an seinem unteren Ende kürzere Saiten, auf denen Stefano spielen wird. Alpha mit einem Kontrabassbogen, sie streicht die Saiten und ihr Streichen erinnert an das Gebrumm von Insekten. Stefano, zwar auch mit einem Bogen ausgerüstet, bearbeitet seine Seiten eher in einer Art geschlagenem Stoßen in einer Art Pizzicato, was an Zirpen erinnert, dann wieder an Gleiten über Wege oder Entfernungen hinweg: launenhaft beschwingt, launig ausprobierend. Alpha wiederum streicht ihre langen Saiten zu einem Brummen aus, erprobt Kontinuitäten, erprobt Atmosphären.

Wir haben also das Bild eines Insektes, wir haben das Modell eines Insektes und wir haben die Geräusche von Insekten. Was fehlt also zum Fliegen, das Fliegen, das was Fliegen vorzugsweise tun: fliegen.

Stefano kommt mit einer Figur aus Form’it, die an ein nicht bestimmbares Wesen erinnert, die er aber zum Gehen bringt, zunächst zum Gehen, was mittels seiner eigenen Arme und Beine auch möglich ist. Alpha beschreibt ihre Versuche zu fliegen, Bewegungen, die immer in einem Absturz enden. Stefano macht den ganzen Vorgang mit seiner Figur nach und es endet im Desaster. Er geht mit dem Wesen, sucht dessen Füßen Laufen beizubringen, hebt ab und lässt es zum Fliegen fallen. Zum Fliegen fallen gelassen, ohne fliegen zu können, heißt einfach nur fallen gelassen werden. Das Form’it verliert beim Sturz seine Gestalt, wird Matsch, wie der Blinde sich seine zerschellte Gestalt vorstellt, die er vorher bei der Tastführung noch als intakte Gestalt ertasten konnte.

Immer wieder spielt der Performer mit dem Material des Form’it, dekliniert Form wie Deformation der Form mit dem Form’it durch, wie Werden ganz gestalterisch am Material sich formen lässt, wie deformieren lässt, alles wird Form, alles verformt sich, nichts bleibt endgültig geformt, weil eine formende Kraft niemals aufhört zu formen und damit auch zu deformieren.

Alles formt die Kraft, den Anfang, das Ende und formend geht sie noch über das Ende hinaus, indem sie formt worauf sie stößt, forschend es ergreifend, indem sie das Material, aus dem sie gekommen, auf das sie trifft, gestaltet. Sie gestaltet was sie sieht, sie gestaltet was sie hört und gestaltet es zu Sichtbarem aufs neue, gestaltet es zu Hörendem.

Was sie aber gestaltet, künstlerisch gestaltet, immer ist es nur ein Abbild, ein Wesen von der Kraft, die es hervorgebracht hat, nie ist das Hervorgebrachte das, was es darstellt, was es imitiert, niemals bringt die Mimesis Leben in die Figur, die nur eine Aphrodite im Glauben zum Leben erwecken kann, um dem Bildhauer Pygmalion eine Geliebte, seine von ihm geschaffene Geliebte, beizustellen.

Aber stimmt das wirklich? Ist, und anders gefragt, Wirklichkeit nicht auch eine Stimmung, eine Einstimmung, eine Atmosphäre, Imagination, von Einbildungskraft durchdrungen?

Das, woraus einst die Gestalt der Performerin erstand, der von ihr zurückgelassene Kokon wird von Stefano untersucht, er sucht nach dem Geheimnis ihrer Entstehung, der Former oder Bildner sucht nach einer Weiterentwicklung von Form, vielleicht nach dem, was dem Kokon fehlt, eben dem entstiegenen Leben.

Die Gestalt aber wird sich immer wieder im Laufe ihres Bühnenlebens verändern, wird sich aus verschiedenen Teilen ihrer Erscheinungsformen anders und erneut zusammensetzen. Ein gezeichnetes Bild wird Teil des Abgebildeten. Der Schatten wird organischer Bestandteil des Körpers, der ihn an die Wand geworfen hat. Noch Geräusche entkleiden sich dabei ihres Bildes, der Scherbenhaufen wird irgendwann ins Unsichtbare hinausgeworfen ohne dass die dazu notwendige Handlung noch sichtbar gewesen wäre.

Eine Performerin, unter der Scheinwerferausstrahlung wird ihr Schatten zum Schatten eines Insektes. „Wenn Fliegen hinter Fliegen fliegen, fliegen Fliegen Fliegen hinterher.“

Der Kopf eine Maske aus Form’it geformt, wie der Kokon, wie das abgestürzte Wesen, es konstatiert die Formbarkeit von allem. Ein Satz, gesprochen, nachdem die Form’it-Maske vom Kopf gehoben. Ein weiterer Satz vom anderen von der anderen, scheinbar zusammenhanglos, der Zusammenhang ist die Handlung, ist das Bild des Geschehens, das als eine Handlung gesehen wird.

Eine Taschenuhr beginnt zu ticken, unentwegt tickt sie weiter und bringt in ihrem Ticken einen akustischen Zusammenhang des Tickens hervor, der zugleich auch an sein eigenes Ende gemahnt und an Ende überhaupt. Alpha sagt, eine Fliege, sie summt und schaut dem Gebrumm hinterher, wobei sie den Kopf einer imaginären Fliege hinterher dreht.

Sie beobachtet eine Vorstellung, eine Einbildung, ausgelöst von einem Geräusch, etwas, was nicht ist, nicht nur nicht zu sehen ist, was einfach nicht da ist.

„Unser Blick auf die Insekten ist total verrückt. Die Menschen beobachten die Welt, um sie zu ordnen, aber vor diesem Blick ist nur Chaos.“

Eine Fliege besteht aus vielen Teilen, die mit einander funktionieren. Könnte das nicht die einfachste Formel für ein modernes Bild von Fliegen in der Wissenschaft sein?

Kunst ist der andere Blick, um Welt sich erklären zu können, um Welt wieder auseinanderfallen zu lassen, um sie von einem anderen Blickwinkel her wieder zusammenzusetzen.

„Eine Maschine besteht aus drei Teilen“, sagt die Performerin, „einem Ventilator, zwei riesigen Flügeln und einem Mikrofon.“

Baza erscheint aus einer kleinen Bühne, die aus der Klang-Stele herausklappt, eine Metapher für das Musikhören überhaupt, das aus seinem Hören immer eine Imagination, eine Ein-bildung hervorbringt, die die Musik, das Instrument aus sich heraus hervorruft. Baza ist eine kleine Maschine als Insekt, die sich mit dem Performer unterhält und er sich mit ihr, der sie fragt, wie es denn in der Welt so gewesen sei und wenn sie gehe, könne sie wieder zurückkommen. Baza antwortet, indem sie brummt.

Er habe ihr etwas mitgebracht und es wird eine Lupe sein, so Stefano.

Zwei Teller mit Seifenwasser, in das hinein die beiden Performer*innen blasen, um Haufen von Seifenblasen entstehen zu lassen. Die Blasen wiederum werden mit dem Projektor an die Wand projiziert und erinnern an die Facettenaugen von Insekten, mit denen die Tiere aus verschiedenen Blickwinkeln zugleich sehen können. Alphas Kopf passt in eine einzige Blase hinein, was wie nebenbei durch den Projektor vorgeführt wird: das Gesicht wird von einem Fliegenauge gesehen: Das projizierte Auge schaut die Sehenden an und wird dabei von sehenden Zuschauer*innen gesehen.

¡ver-rückt! © Jörg Metzner

Bild, Name, Imagination und die Maschine*

Der Projektor vergrößert das Produkt der Projektion auf die Wand, reproduziert es in eine unendliche Vielzahl, wie vorher das Seifengeblase eine nicht mehr zählbare Anzahl von Blasen denken lässt.

Spiel mit einer Idee, deren Bild, deren Modell deren Zeichnung sich mit Hilfe des Form’it und dem Projektor mit dem Menschen, dem Performer, der Performerin verbindet, die Reproduktion mit der Produktion, um eine Art hybrides Wesen wie nebenbei zu kreieren.

Gespielt wird so mit Wirklichkeit und ihren Bestandteilen in der und für die Wahrnehmung: Das Abbild wird zu einem Teil der materialen Gestalt, wie Teile der Wirklichkeit in ihren Formen und ihren Äußerungen.

Erscheinung selbst wird fließend, ist von ihrem Bild, ihrer künstlich erzeugten Gestalt nicht mehr insofern zu unterscheiden, als das synthetische Wesen wie ein Subjekt, wie ein organisches Wesen behandelt wird, dessen Geräusche genauso in die Wirklichkeit und ihre technische Reproduzierbarkeit hinein- und herauswachsen: Ein Ventilator wird von Alpha angeworfen, vor dessen Gebrumm Stefano sich zu wehren versucht, das er als ein ihn angehendes Insekt, ja vielleicht einen ganzen Schwarm von Insekten, mit Händen abzuwehren sucht.

Die Kokons, aus einem von ihnen, wir erinnern uns, war einst Alpha gestiegen, sie hängen noch von der Decke, dahinter an der Wand hängen die Modelle der Grillen. Alpha und Stefano nehmen sie, die Kokons und reduzieren sie auf ihr bloßes Material, auf Form’it, ein verformbares Material, aus dem sie nun riesige Flügel von Insekten, von Schmetterlingen formen. An der Wand wiederum werden sie zu zwei Projektionsflächen, auf die die Insektenaugen projiziert werden, die Sichtbarkeit auf ihre vorausgesetzte Notwendigkeit, einer materialen Fläche, auf der sich Licht brechen muss, dass überhaupt etwas sichtbar werden kann.

Das Auge reflektiert sich in seiner Projektion: In diesem kleinen Bild, dieser kleinen performativen Gestalt wird der ganze Vorgang des Sehens in seinen Bestandteilen verkörpert und dargestellt.

Das Insektenauge reflektiert sich auf seiner Projektionsfläche und wird sichtbar, während die Schatten der riesigen Insektenflügel hinter der Projektion auftauchen wie eine Drohung, wie eine albtraumhafte Wirklichkeit, die all das Gesehene bereits wieder in Frage stellt. Das Gesehene wird von den Augen der Zuschauenden erneut gesehen. Was wir machen, wie wir es sehen, immer und immer wieder lauert dahinter der Schatten des Gemachten, das sich nicht mehr von organischen Wesen unterscheidet.

Alpha tritt von Mikrofonen verstärkt an die selbstgebaute Stele ihres Instrumentes mit den vertikal gespannten Saiten heran, deren verstärkter Klang wie ein übersteuerter Elektrobass dröhnt, so als solle noch einmal klar gemacht werden, dass alles hier handgemacht ist.

Die drei Modelle der Grillen auf dem Boden mit zuckenden Beinchen. Eines von ihnen verselbstständigt sich und Stefano scheint das Modell mittels eines der beiden anderen zu steuern. Sein Motor ist hörbar und es beginnt sich zu bewegen, es bewegt sich nach hinten und verschwindet von der Bühne. Der Schatten der Wesen scheint ein anderes Stadium von Lebendigkeit eingenommen zu haben. Denn hat der Performer vielleicht nicht einfach ein Modell aufgenommen und das andere verabschiedet sich beleidigt? Was an Emotionalität können wir den Dingen, die wir erschaffen haben, mit denen wir gemeinsam Welt bewohnen zutrauen? Ist KI wirklich gefühllos, wie lange wird es dauern, bis wir von unseren eigenen Avataren in unseren Träumen nicht bekämpft werden, sondern von ihnen vielleicht sogar geliebt werden, wobei sie ja jetzt gerade die am meisten gefürchtete Konkurrenz für Beschäftigte in Hollywood darstellen, siehe Tilly Norwood, die erste KI-Schauspielerin, deren Auftritt Schauspieler*innen in Hollywood das Gruseln lehrt.

Die Arie „Lascia ch’io pianga“ von Georg Friedrich Händel ist zu hören und die beiden verbliebenen Grillen beginnen expressiv zu tanzen, biegen die Körper exaltiert über die Bühne, wie zwei sich beugende und biegende Sängerinnen, bis beide sich vor dem Publikum dezent verneigen

¡ver-rückt! © Jörg Metzner

Regie: Franziska Burnay Pereira

Performance, Musik: alpha kartsaki

Performance: Stefano Trambusti

Figurenbau: Gonzalo Barahona

Kostüm, Bühne: Michaela Muchina

Dramaturgie, Bühne: Susann Tamoszus

Licht und Sounddesign: Paul Friedrich