Von Sinnen als ästhetisches Prinzip:

Zu Von Sinnen. Multisensorische Erkundungen der Stadt, einer Ausstellung von Student*innen der Hochschule Darmstadt und Fachhochschule Potsdam zu einem visuell-bildlosen Zugang zu Kunst unter der Leitung von Ursula Gillmann, Nicola Lepp und Lea Budzinski in der Berlinischen Galerie.

Blindheit heißt sich nicht allein von Sprache durch Welt führen zu lassen, es heißt die eigene Körpererfahrung körperlich ernst zu nehmen, um sich von den eigenen sinnlichen Erfahrungen durch Situation und Ereignis von Welt hindurchführen zu lassen.

Welt ist Berührung durch Welt und die Mehrdeutigkeit des Begriffes Berührung öffnet uns auch den Zugang zu einer Ausstellung in der Berlinischen Galerie, die uns dann aber noch viel weiter führen kann als Wege hin zu barrierefreiem Zugang ins Museum und durch Ausstellungen hindurch.

Die erste Erfahrung des Erblindeten ist das Fehlen einer Ganzheit, deren Grundstock das Bild von etwas vermeintlich Ganzem ist. Der Begriff vermittelt die Illusion solcher Ganzheit. In der Berührung nimmt der Erblindete diese vermeintliche Ganzheit im Berührten als Imagination auf und fragmentiert sie in der berührenden Hand. Das vom Blinden bildlos Berührte als seine Imagination wird in der Berührung zerrissen.

Der Dialog von Imago und haptik-taktiler Erfahrung ist der Dialog einer Unerreichbarkeit, einer Unerreichbarkeit, die auch für Sehende besteht: auch sie erfahren niemals etwas anderes als Bruchstücke, die sie in der Illusion der Sprache als Ganzheiten behandeln, da die Sprache es ihnen erlaubt, von Ganzheiten im Begriff überhaupt zu sprechen.

Im Bruchstück des meist verhinderten Ganzen öffnet sich aber auch das für andere Sinne Offene, das Einfallstor der Erfahrung der anderen Sinne. Das Berührte ist immer auch das Gerochene, das Gespürte, das Geschmeckte. Aber alles zusammen ist noch lange nicht das Ganze.

Von dieser Erfahrung des Unfertigen, des Zerrissenen ausgehen, heißt für den blinden Autor dieser Zeilen sich aus seiner Erfahrung des Zerreißens eine vom visuellen gelösten Bild her unfertige, durchlöcherte Bilderfahrung wiederzugeben, sie erneut in den Dialog mit den Sehenden zu stellen, sie ihre Erfahrung mit seiner Sicht mit ihm zu teilen und über ihre Erfahrung mit seiner Erfahrung aus ihrer Sicht zu sprechen.

Der Raum

Der Raum ist zuallererst die Einschränkung der Bewegung und die Ermöglichung der Reflektion der Bewegung in sich selbst und mit sich. Dabei wird die Begrenzung der Bewegung in der Wand zur Reflektionsfläche der Bewegung und damit ihre Öffnung hinein in eine ganz andere, dem Akustischen verpflichtete Raumöffnung, die in gewisser Weise an eine Art der Unendlichkeit gemahnt.

Dabei geht es allerdings nicht um die Ergänzungen von Raumerfahrungen im akkumulativen Sinn, es geht um Überlagerungen oder eher noch um Überblendungen der Raumerfahrung überhaupt, um das Erhören eines Bildes, oder den Geschmack eines Baumes, eine Art Synästhesie, die vielleicht gepflegt oder gar trainiert werden könnte.

Der Stadtraum verändert zu allererst die Unberechenbarkeit der Zeit und dies in Gestalt der Geschwindigkeit. Objekte, die sich außer uns bewegen, sich um uns bewegen, mit denen wir uns bewegen reflektieren sich akustisch an den Mauern, die sie mittels Straßen durchschneiden, um für Momente ihre Echospuren an ihnen zurückzulassen, flüchtig nur und auch nur für die, die sie in ihrer Kürze bewusst aufnehmen.

Bildlos sammelt der Blinde auch hier nur Spuren, denen er eine Ganzheit andichten könnte, um da heraus eine Ganzheit seiner Körpererfahrung sich im inneren Bild zusammenzusehen.

Vollkommen langweilig wäre es allerdings, all dies in andere Sinne einfach übersetzen zu wollen. Bietet die Bildlosigkeit nicht die Möglichkeit, den Raum eben nicht einfach wahrzunehmen wie etwas, das von mir, dem Erblindeten getrennt ist, muss ich nicht einfach der ganze Raum werden, um ihn wirklich verstehen zu können. Bietet mir meine visuelle Bildlosigkeit nicht gerade auch die Möglichkeit, dass mir nicht vom Bild die Erfahrung des Raumes ins Verbale hinein versumpft wird, von der Kumpanei von Wort und Bild meiner allein körperlichen Erfahrung beraubt.

Zwischen Bild und Wort liegt eine ganz andere Art der Poesie des Körpers und seiner Bewegung wie seines Gespürs. Das Rollen meines Stockes durchdringt mich auf die unterschiedlichste Weise je nach Bodenbeschaffenheit und -belag. Ich höre meinen Stock auf den unterschiedlichen Rauheiten der Hausfassade, höre ihn vom Balkon sich anders brechen als von einer nach innen springenden Tür, höre ihn vom Metall des Jüdischen Museums kalt und hohl gegen mich schlagen, am Betonblock der Berliner Mauer ihn zerreißend aufbrechen. All dies bist du, spricht mein Körper zu mir und all dies ist deine Zeit, spüre ich ihn sagen, während mein Arm noch vom Rollen über das Mosaikpflaster nachvibriert.

Dann steht der Autor am Kottbusser Tor und das absolute Chaos bricht über ihn herein, verstärkt noch durch die Hochbahntrasse, die alle Geräusche so vervielfacht, dass seine Wahrnehmung zerrissen wird und er Gefahr läuft , von der Autoflut tatsächlich körperlich zerrissen zu werden, wo noch das Geräusch der Ampeln so verfremdet ist, das nicht ganz klar ist, von welcher Verkehrstrasse es kommt und welcher Richtung es gilt.

Die Skulptur als Unterbrechung

Dann ist da aber etwas vollkommen anderes: Zwei Sirenen, die dem blinden Autor nicht einfach gehört entgegenkommen, das tun sie auch, wenn man ihm davon erzählt und er erinnert einen der letzten Momente, in welchem sie durch seinen Körper hindurch gerast sind.

Vor dem Erblindeten eine Skulptur, Zwei Sirenen von Deborah Müller: die Quart des Martinshorn zweimal in Gips, die Töne tastbar. Ertastete die Haut des Trommelfells sie noch in der Erinnerung, findet er sie in ein Aufeinmal ins haptisch-taktile übersetzt. In der Hand Steinernes, versteinert Gehörtes. In der Hand der Rhythmus der Wellen im Rhythmus der Hand, die ihnen auf und ab folgt. Ihre Schwingungen in der Luft, getrennt sie, die eigentlich zusammen auftauchen, die Zeit der Berührung reißt sie auseinander und die Berührung macht die Umgebung erfahrbar. Lässt aus der Verschiebbarkeit der Ringe, aus denen sie gebildet ist, Ganzheit sich verflüssigen, Identität veränderbar erscheinen, lässt sie von der Umgebung her erfahrbar werden und die Umgebung gleich mit, je nach der variablen Stellung der unterschiedlich geprägten Ringe. Die Skulptur von Deborah Müller trägt eine Akustik haptisch-taktil vor, gefriert sie aber nicht einfach in Stein ein, hält sie so variabel wie es die Wellen ja nach Raum und Straßenatmosphäre mit sich bringen.

Warum sich nicht von der akustischen Wucht des Straßenlärmes zerreißen lassen, um in Gestalt von dutzenden von Körperteilen sich akustisch auf den Asphalt der Straße werfen zu lassen und in seinem Echo hinauf bis an die oberen Enden von Mauern sich akustisch schmeißen zu lassen, um dort einfach zu vergehen, wiedergeboren am Grunde eines Gullys, wo ein Rinnsal des herabgespülten Dreckes feucht sich zusammengurgelt in einer Empfindung, wohlig warm durchspült, den ganzen Körper durchdringend, dorthin, wo nichts sonst hinkommt. Genau dort in der Sensation der körperlichen Erfahrung sich treiben lassen, selbst bildlos der Raum werden, der nicht mehr einfach wahrgenommen wird, wie ein vermeintliches Subjekt ein vermeintliches Objekt wahrnimmt und es von sich fern hält. Der ganze Raum werden in all seinen Momenten, von der Dachrinne bis hinunter zum Straßenabfluss. Der Lärm, bildlos ist er mein blinder Körper, bildlos bin ich der Straßenraum in all seinem Gestank, seiner spürbaren Wucht, bildlos werde ich mit dem Gehörten hoch bis ans Ende der Fassaden geschleudert, wo ich vergehe.

Der Stadtraum ist eine Ansammlung von Bruchstücken, deren Entkodifizierung nicht nur dadurch erfolgen muss, dass Gesehenes mit Sensationen der anderen Sinne einfach verknüpft wird. Der Stadtraum ist ein Meer von Ereignissen, das auf die verschiedensten Weisen durchschwommen werden kann. Die Erlebnisse solcher Durchquerungen bringen eine Wucht von Körperlichkeit hervor, dass die Abgerissenheiten des Bildverlustes nicht nur überbrückbar erscheinen, sondern dass sie vor allem durchkomponiert werden, ertanzt werden, Körperpoesie werden können.

Das Fragment im Stadtraum ist der Splitter, in welchem sich Gegenwart und Vergangenheit so überlagern, dass in diesem Raumbegriff sich auch Zeit überlagern kann: Ein Berliner Friedhof wie der am Mehringdamm mit Hoffmanns Grab, an dessen Ende der Kater Murr wacht, lässt den Friedhof Montparnasse mit seinen Katzen erscheinen, lässt zwei Jungen am Grab von Baudelaire mit einer Flasche Rotwein auftauchen, die sie dort leeren, um danach sich eine Blume von einem anderen Grab zu klauen und sie dem Dichter in der geleerten Flasche als Gruß zurückzulassen.

Kaum werden in einer Ausstellung andere Sinne angesprochen, öffnet sich bildlos ein Erfahrungskontext von Geschehen und Geschichte, ein Horizont der eigenen Biografie. Wohltuend verstört wird diese Wiedererkennung durch Kunst, die Übersetzung eines akustischen Phänomens in eines des Berührens und Tastens. Nicht verschiedene Sinneseindrücke ergänzen sich zu einem vermeintlich ganzem Stadtbild, die Übersetzung in einen anderen Sinn bricht die Sinneserfahrung auf, reflektiert und erweitert das akustische Ereignis, lässt es noch einmal und ganz anders verstanden werden, verstört das Verständnis. Die Vorstellung des Gehörten wird zu etwas, das seinen räumlichen Kontext im Tasten mit anspricht und damit seine eigentliche Identität nicht nur erweitert, sondern sie zu einer Variablen macht, dessen Begriff sich ausdehnt.

In der Berlinischen Galerie

Ein Museumsraum, der Stadt in Momente ihrer sinnlichen Erfahrung zerfallen lässt. Sinnliche Sensationen ohne ein vermittelndes Bild, das sich aber sofort in der Einbildungskraft erstellt, kaum, dass etwas gehört, getastet, kaum dass es gerochen wird. Keines, der inneren Bilder trifft die jeweilige Situation, und Imagination zeigt die Austauschbarkeit innerer Bilder genauso auf wie ihre unendliche Vielfalt und Vervielfachbarkeit. Die Stadt als akustisches, haptisch-taktiles, olfaktorisches Ereignis.

Die sinnliche Wahrnehmung der Stadt und ihre Reproduktion zur Diskussion gestellt: wie können solcher Art Sensationen ohne Bild aufbereitet werden, wie kann der Verknüpfung von Wort und Bild nachgespürt werden, welche Momente zur Beantwortung der Frage bringt Künstliche Intelligenz hier ins Spiel, so in der Arbeit von Joshoua Haack und Sebastian Matschke. Bricht die Behandlung der Verbindung von Wort und Bild durch den Logarithmus nicht die ganze Verknüpfung von Wort und Bild auf, macht sie dadurch aber umso fruchtbarer?

Die Arbeit Texturen der Stadt von André Hofer und Karl Schieber könnte auch unter dieser Fragestellung gelesen werden. Die Reproduktion einer Fassadenwand, in der Art eines Stempels oder eines Rollsiegels wie in Mesopotamien Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung verwendet, kommt in den Sinn. Fassaden erscheinen dann als Versiegelung von Leben, lassen ihre Mauerwerke als Kulissen erscheinen, die die tastende Hand belebt.

Aber nicht nur Hausfassaden, auch die Horizontale wird temporär begreifbar, die Straße mit ihren Rissen wird ertastbar und verschiebt die Zeit ihrer Wahrnehmung auf die Zeit der Rezeption eines Modelles. Aber ist dies tatsächlich ein Modell, gehen André Hofer und Karl Schieber nicht weit über das Modell hinaus, indem sie es temporär erscheinen lassen, wieder nur eine Spur, austauschbar wie die Bilder der Imagination. Die Spur einer Fassade, die das Bild der Fassade aufruft und der Erblindete betastet später in Kreuzberg eine Fassade, die er wiedererkennt, ohne dass das tatsächlich hätte sein können.

Indem aber eben nur Momente der Stadt sich in Erinnerung bringen, trennt das Geräusch, der Geruch, die Berührung in diesem Moment eine Erinnerung der Stadt aus ihrem Gesamt heraus, bringt die Zeit der Berührung mit einer Phase der biografischen Zeit zusammen.

Bei der Arbeit Smell Spot von Josefine Braun und Janina Stiefel kommen Orte in den Sinn, eine Parfümerie etwa, aber auch Zeiten, denn Gerüche die hier vorzufinden sind, sind mittlerweile aus der Stadt verbannt, etwa der Rauch in der Bahnhofskneipe, oder er wird näher gebracht im Ekel wie der Gestank von Aschenbechern. Kleine Blasebälge mit der Hand zu drücken, isolieren die Situation aus Zeit und Kontext, reizen zum Rätseln.

Wenn das Bild fehlt, fehlt meist die konkrete Zuordnung, fehlt das Erkennen, die Identifizierung. Gerade mit dieser Verunsicherung spielt Von Sinnen. Multisensorische Erkundungen der Stadt indem Sinnliches aus dem Erfahrungskontext gelöst und im Kontext des Museums neu arrangiert wird. Gerade diese Herauslösung von sinnlichen Sensationen aus ihrem Alltag, die Sperrigkeit in der sie sich ihrer Musealisierung widersetzen, verstört und verstört all die, die sich bildlos auf sie einlassen.

Wie weit eine solche Verstörung geht, zeigte dem Blinden und seiner Assistentin eine Situation, als der Stock des Blinden aus der hierfür vorgesehenen Halterung an den Exponaten von einer Besucherin herausgelöst wurde, die den Stock für einen Teil der Ausstellung hielt und mit ihm mit geschlossenen Augen einfach abdampfen wollte, eine andere Wahrnehmung ausprobierend, zu der sie sich durch den Stock eingeladen gefühlt hatte.

In einem Interview zur Ausstellung wurde der blinde Autor gefragt ob die Ausstellung seine Mobilität in der Stadt verändere, er hatte das verneint und muss das beim Schreiben dieser Zeilen revidieren: Das Gehen in der Stadt veränderte seit der Ausstellung sich vollkommen , nicht mehr allein die Geräusche der Stadt wollen wiedererkannt werden, jetzt wollen auch die Geräusche, Gerüche das Ertastete der Ausstellung wieder in der Stadt erkannt werden, Ensembles von Sinnlichkeit, die in der Ausstellung keinen Ort hatten, scheinen auf, lassen neue Ausstellungen zum Stadtraum im Kopf entstehen.

Allein im bildlosen Gehen durch die Stadt werden in den Ensembles der Wahrnehmung andere Sinne angesprochen, die nicht einfach nur aufeinander verweisen, die vielleicht sogar über eine Art blinder Synästhesie hinausgehen, wo ohne Bild das Trennende der Sinne voneinander fehlt und die Sinne generell in einander übergehen.

Skulpturen der Sinnlichkeit als Kontinuum

Das Ganze einer Skulptur als in sich vollkommen variables Ensemble. Zuerst aber war da ein Missverständnis, die Verwechslung des Realen mit dem Mythos, verkörpert in der Kunst und doch: zeigt dieses Missverständnis nicht gerade unseren Umgang mit Realität auf, das Reale, das den Mythos hinter sich schiebt wie das Visuelle die nicht sichtbaren Bilder des Inneren.

Die zwei Sirenen, die übereinandergelegt sind wie die Sirenen von Kraftfahrzeugen der Polizei, der Krankentransporte, der Feuerwehr in der Stadt. Das Auge sieht die Gleichzeitigkeit, die Berührung verwandelt die Gleichzeitigkeit in die Abfolge der Wiederholung, die durch die Verdrehung der Einzelteile den Grundmodus jeweils unterschiedlich in der Hand reflektieren lässt. Nicht nur sind es unterschiedliche Sirenen, auch verändert sich der Klang je nach Ort des Stadtraumes.

Ringeltauben von Carla Trapp, das Reigenartige in jeweils drei gefüllten Stoffsäckchen, klein mittel groß, die die vom Volksmund als Flugratten verunglimpften Vögel in einer Art getanztem Reigen auftreten lässt.

Anfahrende Straßenbahn von Lara Jacob: Geräuschhöhe Frequenz Welle und wie sich Wellen in Festkörperphysik ausdrücken, wie Wellen in der Bewegung des Tastens wieder in Bewegung verflüssigt werden, wieder Welle-Werden, erspürte Welle der tastenden Haut, wieder Frequenz.

Die Menschenmasse akustisch in ihren Gesprächen. Aschenbecher, Rauch in einem Bahnhof, der schöne Geruch in einem banalen Überfluss in der Kaufbarkeit des Riechens und seine Überschneidungen mit dem Abstoßenden des Aschenbechergestanks.

Was bewusst fehlt ist der Einzelne, die Einzelne. Die Stadt wird nur als Masse gedacht, in den Äußerungen von Masse und der Besucher die Besucherin der Ausstellung wird zum Flaneur zur Flaneurin dieser Sensationen. Er denkt an Baudelaires Gedicht, Einer Vorübergehende, an Walter Ruttmanns Berlin -Symphonie einer Großstadt und ihren rasanten Bilderrhythmus und das Zusammenspiel von Menschen und ihren Transportmittel, das Ineinander von Schienen Menschen und Mauern, er denkt an Wienes Caligari und die expressionistisch sich biegenden Fassaden, die sich in Jürgen Möllers Gemälde „Straßenlärm, dem Referenzpunkt der Ausstellung “ wiederspiegeln: schiefe, in sich verschobene Fenster und Türen, Fassaden, die sich bedrohlich gegen die Straße neigen.

Der Blinde als Teil der Masse Mensch, eine Unzahl unabsichtlicher Berührungen, die er in seinem Körper sich zu einem Massenkörper zusammenziehen spürt und dies jetzt, im Akustischen in sich zusammenkommend.

Masse für den Blinden als Imago, die sich erst spürbar, hörbar in seinem eigenen Körper verkörpert, in ihm zu Masse wird und das gerade gar nicht kann, da sie als Masse von ihm nicht wahrgenommen werden kann. Masse ist eine Vielzahl, die als solche nur gesehen werden kann, akustisch ist sie nur die Äußerung einer Masse, die den Blinden auf eine Vielzahl von Menschen schließen lässt. Masse ist für den Blinden die Masse der Vielschichtigkeit seiner Eindrücke.

Die Großstadt verdichtet, lässt einzelne sich in ihr vervielfachen und sei es nur im öffentlichen Aschenbecher, dessen olfaktorische Spuren in der Ausstellung zu riechen sind. Die Großstadt vervielfacht alles hin zu einer Tendenz, einer Richtung, die sie dann potenziert.

Der Blinde dagegen wiederum sammelt in sich immer nur Äußerungen der Masse, die sich nur in der Stadt sammeln kann, die ihn, den Erblindeten, zugleich vom visuellen in einen akustischen Voyeur verwandelt.

Jedes Wort ist auch für den Erblindeten mit Bildern verbunden, die sich aus der Erinnerung genauso einstellen wie durch einen Automatismus, den Eindrücke anderer Sinne in einer Einbildungskraft im Inneren des Blinden aufrufen. Nicht viel anders ergeht es Sehenden, wenn sie aufmerksam zuhören oder lesen, ein Hörbuch verfolgen. Bildlos aber ist den Eindrücken des Erblindeten eine ganz andere Welt geöffnet, da kein Bild der Visualität mehr die inneren Bilder verscheucht: der Erblindete ist unentwegt einer Bilderflut ausgesetzt, aus der ihn seine Sinne nur bedingt wieder herauszuholen vermögen. Der Blinde hat immer viel zu viele Bilder, die ihm aber keine Visualität sortiert und ordnet. Die Bilder des Erblindeten liegen sozusagen nicht vor sondern hinter den erblindeten Augen, der Erblindete lebt in ihnen und es gibt keinen Unterschied zwischen dem Wort und dem Bild, keinen zwischen Körper und dem Sprechen davon, vielleicht auch dem Tanz davon, denn kein Unterschied besteht letztlich zwischen Wort und Bewegung als Ausdruck von Welt.

Olfaktorische, akustische, haptisch-taktile Sensationen, die Bilder im Bildlosen auslösen, eingewebt in eine Atmosphäre, abgeschirmt von einem Kopfhörer, der das Außen des Museums nicht hereinlässt.

Der Stadtraum und seine Erinnerungen, ausgelöst von diversen Sinneseindrücken, ein jedes Mal aber in einer Vergangenheit von einer aktuellen Sensation hervorgerufen, Eindrücke, die wiedererkannt werden wollen, die sich entziehen, sich gegenseitig verschieben: keine ungewöhnliche Situation für ein Museum, das Kunst in der Stadt Berlin, Kunst der letzten Jahre beherbergt, die hier mit Sinneseindrücken an die aktuelle Stadtsituation heranführt.

Wie verändert sich der Blick auf die Stadt, wenn in einer Situation in den Stadtraum eingegriffen wird. Was, wenn der Stadtraum in seinen sinnlichen Einzelteilen dem Bild der Stadt begegnet, einem inneren Bild, einer Einbildung, einer Imago.

Die Bewegung des Erblindeten, der hier natürlich nur von sich selbst sprechen kann, ist getragen von einem Bild, in welchem er einen Ort der Stadt erfahren hat, den er in einer jeden Situation immer wieder und immer wieder anders erfährt. Sein Hören, sein Tasten und Berühren, sein Riechen und, ja auch sein Schmecken aktualisieren diese Erfahrung nicht allein, sie fügen ihr auch nicht einfach nur neue Aspekte hinzu, die erfahrenen inneren Stadtbilder, die erinnerten Stadtbilder brechen sich immer wieder gegenseitig auf und eine Erfahrung ersteht, die immer wieder gänzlich neu vor dem inneren Auge des Blinden auftaucht, ohne sich tatsächlich lange halten zu können, da der nächste Augenblick sie bereits überlagert, verdeckt, verschiebt, sie aufbricht, so dass ganz andere Welten dahinter wie hinter dem Auge sichtbar werden, die aber kein Sehender sieht.

Damit ist die ganz persönliche Erfahrung mit der Arbeit Texturen der Stadt beschrieben, der über Siegel und Stempel sich der architektonischen Oberfläche der Stadt in der Reichweite unserer Berührung annähert. Über ein Rollsiegel entrollt er die bröckelnde Fassade eines Berliner Mietshauses, das die tastende Hand erkennt, um sie später an einem Haus in Kreuzberg wiederzuerkennen, was natürlich nicht möglich ist aber die Reproduktion legt sich über das in der erneuten Berührung der Stadt erfahrene Original. Mit einem wischenden Roller wird das Fassadenbild nicht nur gelöscht, es entsteht eine tabula rasa für das nächste zu tastende Siegelbild, etwa eine aufgerissene Asphaltdecke, der ein von der Hand gestempelter Fußabdruck folgt. Rauch, im abgeschlossenen öffentlichen Raum verboten, kein Bahnhof mehr, wo er einst anzutreffen war, kaum eine Kneipe, in der er sich jetzt noch halten darf. In einem kleinen Blasebalg kommt er in der Ausstellung Von Sinnen in der Berlinischen Galerie auf Handdruck, wie sein Produkt, der Aschenbechergestank gleich neben ihm. Wie Geräusche aussterben, etwa die des Geräusches von verschweißten Schienen oder der über sie schnaufenden Dampflokomotive, verschwinden auch Gerüche, mag man das bedauern oder nicht: es ist an gewissen Orten der Gestank der Vergangenheit, der hier aus dem Blasebalg wieder ersteht. Die Parfümerie bei Karstadt Ka.De.We. oder Douglas, alle Individualität auslöschender süßlicher Mief eines Geruchsallerlei, aus dem der individuelle Griff nach dem je spezifischen Flakon sich eine individuelle Charakteristik für die olfaktorische Erscheinung wählen darf, Identität hervorzaubernd, der Blasebalg präsentiert den Geruchsmatsch der Stadt vor der Wahl einer spezifischen olfaktorischen Individualität. Aus Masse Mensch tritt die vermeintliche Individualität heraus und feiert sich in Marken und Verkaufstempeln.

Die Ausstellung übertrifft ihr Vorhaben, indem sie für einen Zugang zu Kunst und Museum wirbt, der nicht allein auf dem Zentralsinn des Visuellen sich stützt, der andere Sinne als Zugang zu Welt wie zu Kunst und Museum vorschlägt. Nicht nur die Vermittlung aber thematisiert die Ausstellung, sie öffnet auch vollkommen andere Weltsichten, die weit über das Sehen hinausgehen, die an Erfahrungen außerhalb von Sicht und Sehen appellieren, um ein vollkommen anderes Verständnis von Bildern anzusprechen, das weit über Sehen hinausgeht, auch weit von Sehen von Bildern hinausgeht. Ein Bild ist nichts anderes als ein Zusammenhang, der einer Erzählung einfach ein Ende zu setzen in der Lage ist, der einer Erzählung einen Rahmen gibt, dessen Erfüllung er zugleich in seiner Beschreibung vorschlägt, in Sprache Erzählung werdend.

Ein Bild ist ein Vorschlag für eine Erzählung, deren Verlauf sich innerhalb eines Rahmens erfüllt. Kommen Hören oder Berühren, Tasten Spüren Riechen oder Fühlen hinzu, bricht die vermeintliche Hermetik des Inhaltes auf, verzweigt sich vollkommen, lässt nichts mehr ein Ende finden, so das Bild, so seine Beschreibung, so eine jede Erzählung.