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Gerald Pirner_ Selbstportrait VI (Das Selbst als eine Geste) 2017 © Gerald Pirner

Vom Berühren eines Risses

Der Text erschien in der Nummer 15 der mehrsprachigen Zeitschrift Aisthesis des Museo Omero - des staatlichen Tastmuseums in Ancona.

Für den Erblindeten ist das Fehlen eines visuellen Bildes die Freisetzung einer Flut von inneren Bildern, in die ihn alle seine Sinne von allen Seiten her hineinstoßen. Berührt der Erblindete Gegenstände, so äußert sich diese Berührung in Gestalt von Bildern, die in ihm entstehen. Ähnlich das Geräusch, der Geruch: ohne ein visuelles Bild überfluten den Blinden all seine Sinneserfahrungen mit Bildern, weil sie eben von keinem visuellen Bild in Schach gehalten werden, sie von ihnen dominiert, ja domestiziert werden, kein visuelles Bild sie hinter sich schiebt, sie hinter sich versteckt.

Andererseits reicht das innere Bild weit über das visuelle Bild des Auges hinaus, es erschaut sich blind das Bild vom Körper aus, lässt es in der Zeit der Berührung erstehen. Als säßen in jeder Pore der Haut Augen, betrachtet sich die Hand des Blinden alles Berührte, umschließt das berührende Auge alles, was sich ihm nähert. Der Geruch, das Geräusch, das Berühren eines Gegenstandes, eines Menschen, die Berührung der anderen.

All dies verwandelt aber die Bilderflut im Gedächtnis, in der Reflektion über ihr Erscheinen auch in ein dichtes Bildgewebe, lässt das zeitliche Erscheinen in die Stofflichkeit seines Körpers gerinnen, in ihr Imagination werden, in welcher der Blinde wie in einem Kokon einwohnt.

Diese Imagination nun aber ist es, die dem Blinden als festes Bild erscheint, die ihn wiederum in sich auch einschließt, die Kehrseite des schützenden Kokons sozusagen, das Zelt als eine zweite Haut.

Das innere und imaginäre Bild des Blinden und nur dieses entspringt allen Sinnen des Blinden und bildet aus den von ihnen hervorgerufenen Bildern ein Gewebe, das durch die Aufmerksamkeit für die einzelnen Sinne auch wieder aufgerissen werden kann und letztlich aufgerissen werden muss, da sich der Blinde in einer geradezu halluzinatorischen Scheinwelt befände, die ihn in einer Somnambulität vergraben würde, die ihn absolut wirklichkeitsuntauglich machte.

Zurück in die Hand

Die erneut aufmerksame Berührung der Hand reißt einen Riss in das innere, imaginäre Bildgewebe, die aber nur weitere Bilder in der Berührung hervorruft, die den Riss zu schließen suchen, den die Hand selbst hervorgerufen hat.

Um diesem schier endlosem Geschehen seiner Sinneswahrnehmungen entgegenzutreten, es zu unterbrechen und zugleich zu bannen, konstruiert der erblindete Fotograf Bilder aus seinem Gedächtnis, Gesehenes um es in Gespürtes zu verwandeln. Vollkommen andere Welten entstehen, die er sich zwar wieder von Sehenden beschreiben lassen muss, die er aber in seinem Gedächtnis spiegelt, weil er sie ja kennt, weil er sie selbst hervorgebracht hat, die er in Wirklichkeit aber nochmals erschaffen muss, damit sie ihm nicht in seine Träume zurück entwischen und ihn von anderen Orten her überfallen.

Einerseits ist die Berührung also eine Unterbrechung des Bildes, andererseits führt sie diese mit anderen Mitteln fort, um aus der Konzeption in der Berührung noch ganz andere Bilder hervorzubringen.

In diesem Blick des Blinden auf die Welt des Gesehenen, ersteht in seiner Berührung eine Art Spiegelwelt, die die Sicht eines Blinden aus seinem Gespür, seiner Körperlichkeit ganz neu und vollkommen anders emporsteigen lässt.

An seinen Modellen lässt er seine Berührung Licht werden, übernimmt die Lampe die Rolle der Haut und zugleich die des Pinsels.

Die Welten aber, die er da konstruiert sind Welten, in denen er sich nicht allein sein Inneres möbliert, es sind Bilderwelten, die er teilweise in seinem Gedächtnis wiedergefunden hat, die phantastisch sich seiner bemächtigt haben, die sich sehr häufig aus der Welt der Kunstgeschichte und der Welt der Filmgeschichte bedienen. Da erscheinen Posen und Gesten aus Szenen von Filmen von Polanski, von Pasolini, von Buñuel oder Herzog, da werden Bilder von Francis Bacon oder Caravaggio zitiert und in einen vollkommen anderen Kontext gestellt, Konstruktionen seiner Obsessionen, seiner Albträume, die zu Bildern erneut erstarrt seine inneren Bilderfluten bei sich zu halten versuchen.

Zugleich erschafft er sich dabei ein Spiegelkabinett, in welchem er sein eigenes Körpergedächtnis als Akteur erstehen lässt. Ähnlich dem Cabinett des Dr. Caligari, in welchem ein Somnambuler gefangen gehalten wird, der von einem Wahnsinnigen gezwungen wird, dessen Träume zusammenzurauben, nur um im Bildlosen sie in Bildern einzufrieren und sie darin unschädlich zu machen.

Der blinde Fotograf sieht seine Bilder nicht visuell, er spürt sie in einer Mischung aus Inszenierung und Konzeptkunst auf, um sie in der Beschreibung der Sehenden sich einerseits spiegeln zu lassen, sie darin aber auch in einer Art der Verdoppelung, wie in einem Aufeinandertreffen von Materie und Antimaterie sich selbst auslöschen zu lassen. Die Bildbeschreibung, die er für seine Arbeit essentiell braucht, wird zum schwarzen Spiegel in dessen Fluidum er hineintaucht wie Orphée in Cocteaus Film, wo er dem weinenden Tod, gespielt von einer Frau begegnen wird.

Der zweite Weg: die Emanzipation der blinden Haut vom Blick der Sehenden

Einem Unbehagen folgend, Bilder aus seiner Berührung heraus zu erschaffen, deren Schönheit erneut ihm nur von Sehenden beschrieben werden können, zieht sich der Blinde ganz in seine Berührung zurück und nimmt die Berührung als etwas, das das Berührte, die Berührten immer auch zerreißt. Bildlos reißt eine jede Berührung der Hand auf dem Körper der anderen eine Verwundung hinein, wie auch in ihm, in seinem Körper eine solche Verwundung aufgerissen wird. Dieser Erfahrung der bildlosen Berührung nachgehend, entstanden Bilder, die in ihrer Versehrtheit, in ihrer Fragmentiertheit die blinde Berührung nachzeichnen sollen.

Das Selbstporträt rückt hier jetzt in den Mittelpunkt, da das zerrissene Bild sich aus der Erfahrung der zerreißenden Berührung selbstdarstellend nochmals und ganz anders erfahren will, die Erblindung als Emanzipation des Blinden von der Gefräßigkeit des sehenden Auges sehen will, in der Berührung auch selbst sehen kann, die im Tasten dann auch zu Zeit kommen kann.

In einer Ausstellung seiner Bilder in der Berliner Galerie Fhoch3 stellt der blinde Fotograf zehn Selbstporträts aus, die er mit Texten, teils Konzepten die den Bildern zugrunde liegen, teils mit poetischen Beschreibungen, teils mit Darstellungen ihrer Produktion versehen hat, die er selbst aufgesprochen hat und die über QR-Code mit Handy abrufbar sind. Von seinem ersten Selbstporträt, in welchem er den Prozess seiner Erblindung durch Retinitis pigmentosa nachspürt, über die Reduktion des Selbstporträt auf eine Pose, die Auseinandersetzung mit dem Christentum auf Basis von Nietzsches Philosophie anhand eines Filmes von Martin Scorsese, die Auseinandersetzung mit dem Gespräch mit dem Beter von Franz Kafka: Autobiografisches verwirkt sich mit einer von der Berührung gespeisten Ästhetik, die Berührung nicht mehr allein als Zärtlichkeit begreifen kann, die sie eher als verletzenden Übergriff verstehen will, die das Bild aus der Dreidimensionalität in die schützende Zweidimensionalität der Fotografie zurückreißt.

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Gerald Pirner Turm der Hände (Doppelselbstportrait) 2020 © Gerald Pirner

Hier der Link zu Aisthesis Nr. 15 - Marzo 2021 des Museo Omero:

https://www.museoomero.it/servizi/pubblicazioni/rivista-aisthesis-scoprire-larte-con-tutti-i-sensi/