Videostill: Ich sehe was, was du nicht siehst © Vivien Hartmann
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Episoden im Gebrochenen

Über den Film Ich sehe was, was du nicht siehst von Vivien Hartmann mit Jan Meuel

Wie ein jeder Blick das Gesehene immer vollkommen anders sieht und letztlich allein die Sprache Kommunikation über das Gesehene möglich macht, überhaupt nur sie bestätigen kann, dass Menschen das gleiche sehen, hält das Bild in Fotografie und Film eine Möglichkeit und Form des Gedächtnisses bereit, das im Gespräch eine vergleichende Ausdeutung über diese Art des Ausschlusses des Realen erzwingt.

Umso entschiedener wird die Darstellung der Erblindung sich nur in einem Bereich bewegen können, dessen Genauigkeit sich in der Präzision der Ungenauigkeit, an den Rändern des Nichtfassbaren bewegen muss, immer sich aber dessen bewusst, keine realistische Darstellung eines Bildes der Erblindung liefern zu können, dies auch gar nicht erst zu versuchen, um nicht Gefahr zu laufen, den Fehler von Fernando Meirelles zu wiederholen, der in seiner Verfilmung von Josè Saramagos parabelhaftem Roman Stadt der Blinden den Sehenden ein leicht verschwommenes Bild als die Sicht der Blinden leicht verdaulich auftischt.

„Durch die Äste einer Baumkrone fallen leichte Sonnenstrahlen. Unscharf reflektieren Lichtpunkte auf einer sich bewegenden Wasseroberfläche. Durch einen Sucher folgt der verschwommene Blick einem kleinen Tier. Ein Frosch deutet sich an, der behutsam über eine ausgestreckte Hand krabbelt“, so die Audiodeskription von Lena Hoffmann in Zusammenarbeit mit Jan Meuel, live eingesprochen von Sandra Wollner.

In dieser Anfangszene stellt die Regisseurin Vivien Hartmann die ganze Dramaturgie ihres Films vor, zeigt auf, wie ihr Film optisch funktionieren wird. Entscheidend ist hierbei der Bruch zwischen dem gesehenen erzählten Bild und dem ins Verschwommene gleitenden Blick, der vom Bild eben als Blick unterscheidbar ist und als einziger tatsächlich subjektiv wahrzunehmen ist, der immer ein Einspruch ist gegen die erzählte, „normale“ Wirklichkeit, eine Darstellung des differenzierten Blicks, der nur eingebettet zwischen der Erzählung wie der sogenannten „Normalsicht“ verstehbar wird und damit den Blick auf die Differenz des Sehens überhaupt eröffnet: Die Sonnenstrahlen durch die Äste, die nur verschwommen sich im Wasser reflektieren, metaphorisch könnte diese Bildabfolge als Bild für das vermeintlich Wirkliche, dessen Bild immer nur verschwommen ist, verstanden werden, ein Bild der Sehbehinderung, die doch Metapher für die visuelle Wahrnehmung überhaupt sein könnte; aber vielleicht ist eine solche Bemerkung die vermessene Bemerkung eines Erblindeten, Sehende würden dafür von Sehbehinderten und Blinden zurecht kritisiert werden, aus ganz anderen und vielleicht entgegengesetzten Gründen würden Sehende den Erblindeten kritisieren: der Autor als Erblindeter erlaubt sich diese Metapher dennoch.

Betrachtet sich Welt im sogenannten „Normalsichtigen“, einer Sicht die die meisten teilen, blockiert die Regisseurin den Fluss des Geschehens wie des Beschreibens, lässt innehalten ohne dass diese „Blockade des Sehens“ genauere Gestalt gewänne. Etwas geht nicht, ist an einem gewissen Punkt nicht mehr fassbar, findet kein Bild mehr im Fluss der Bilder und dieser Moment ist zwar nicht als Gestalt fassbar, fassbar ist nur seine Unterbrechung. Diese Unterbrechung benötigt nur ein kleines Wort und sofort setzt sie im Kopf von Sehenden wie Sehbehinderten wie Erblindeten genau das selbe frei, die Welt wird unscharf, etwas bricht. Die beschriebene Welt aber geht kontinuierlich weiter, in der Erinnerung des Erblindeten fehlt ihr von diesem Moment an etwas, das man vielleicht als ihre Tiefe bezeichnen könnte, eine Erfahrung, die der Erblindung des Autors vorrausgeht, die sich in seinem eigenen Körpergedächtnis eingeschrieben hat, etwa das Gehen über eine Klippenlandschaft, in welcher kein Schritt von den Augen genau abgeschätzt werden kann, nicht zu sagen ist, ob er im nächsten Moment nicht in eine Tiefe stürzte.

Vivien Hartmann trennt das Bild des Zu-Sehenden vom Blick des Sehbehinderten, lässt ihn dadurch Subjekt werden, lässt den Protagonisten damit überhaupt erst in seiner sich entwickelnden Sicht sichtbar werden, lässt Wahrnehmung aber auch als Teil einer Kommunikation erscheinen, eines Momentes eines Subjektes, das der Vermittlung bedarf, wie die Welt in verschiedenen ihrer Aspekte dem Sehbehinderten vermittelt werden muss. Im optischen Nachtasten des sehbehinderten Blickes stellt sich freilich auch der Blick der Kamera als subjektiv dar, wird die vermeintliche Wirklichkeit und ihre Wiedergabe im Realismus in Frage gestellt: Was am Gesehenen ist wirklich und für wen und wem dient das alles.

Sehen wird in Vivien Hartmanns Film zu einem Kommunikationsprozess, zu einem Austausch über Wahrgenommenes. Sie lässt diesen Austausch aber nicht einfach als Zufälligkeit stehen, sie stellt seine Notwendigkeit dar, indem sie anhand der Sehbehinderung die Subjektivität des Sehens aufzeigt, die Notwendigkeit sich über Gesehenes verständigen zu müssen. Sie stellt diesen Austausch aber vor allem nicht als Einbahnstraße dar. Nicht allein der sehbehinderte Jan Meuel braucht Beschreibungen, um Welt in ihrer Komplexität erfahren zu können, sie in Beschreibungen bereichert und erweitert zu finden, ebenso ist er der Katalysator für eine gemeinsame Welterfahrung mit Sehenden, deren gemeinsame Welt eine in Vielfältigkeit sich spiegelnde Lust verkörpert, für die die Regisseurin nicht von ungefähr Bilder aus dem „Karneval der Kulturen“ findet, die die Regeln der Straßenverkehrsordnung in eine rauschhafte Leidenschaft verwandelt, zumindest für eine Weile.

Das Bild wird scharf, ein junger Mann blickt auf seine Hand und den Frosch auf seiner Hand. In deutlichen und scharfen Einstellungen stellt der Film das von außen zu beobachtende Geschehen dar, eröffnet eine weitere Subjektivität, die nicht allein dadurch „objektiv wahr“ oder „wirklich“ wird, dass viele sie teilen. Die Unschärfe des Bildes grenzt es als Blick des Sehbehinderten aus, dem Blick des Sehbehinderten einem Korrektiv aussetzend, das zugleich selbst korrigiert. Es gibt keine Sicht der Welt die nicht subjektiv wäre, die sich in ihrem Wahrheitsgrad von anderen Sichten als höher gestellt über andere Sichten hinwegsetzen könnte. Zugleich aber ist etwas zu sehen, das eben gar nicht zu sehen ist, die Empfindung, das Spüren. Das Spüren der winzigen Froschfüße auf nackter Haut, ein Gefühl, das durch Beschreibung aber durchaus hervorgerufen werden kann, dessen Intensität aber nicht zu sehen ist.

Erst durch die Verstellung des normalen Blicks, durch seine Durchstreichung, seine Verhinderung und der Beschreibung davon, wird auf das eigentliche Geschehen hingelenkt, wird eine Wirklichkeit vorgestellt, die diesseits des Bildes existiert, die erst dann zum Vorschein kommt, wenn ihre Darstellung im Bild versagt. Die Welt, das Geschehen, das Ereignis ist nicht mit ihrem Bild gleichzusetzen, andere Sinne sind darin nicht minder involviert, die oft erst bei gestörtem Blick freigesetzt werden.

Zweierlei geschieht hier in der Kommunikation des Bildes mit der Audiodeskription, in der Lena Hoffmann und Jan Meuel in ihrem Text vom Sucher sprechen, und allein in diesem Begriff bereits ein Charakteristikum mancher Sehbehinderung treffend umschreiben: nur das wird gesehen, was fixiert wird oder fixiert werden kann. Der erblindende Autor hatte in seinem Visus zum einen immer nur einen kleinen Ausschnitt des von Normalsichtigen Gesehenen, andererseits musste er das von ihm Gesehene mit den Augen abtasten nach dem was er suchte, von dem er etwas hörte, sei es real als Geräusch oder in einer Beschreibung, einer Stimme, deren zugehörigen Menschen er suchte. Die Sicht der Erblindenden hat mehr mit dem Ertasten zu tun als mit dem Panorama, in welchem die Sehenden sich bewegen, dem Über-Blick, der immer sichtbar den Kontext widerspiegelt, die sehend Hörenden in einer Aufmerksamkeit hält, die ihnen das Realitätsmaterial liefert, um sie eine jede Situation grob einschätzen lassen zu können.

Die Sicht der Erblindenden ist eben keine Sicht, sie ist etwas wie Gespür. Lena Hoffmann und Jan Meuel rufen in ihrer Audiodeskription eine Sinnlichkeit hervor, die eigentlich nichts anderes wiedergibt als eine Beschreibung dessen, was im Film geschieht. Und doch: Bilder werden so besprochen, dass in Hörenden eine Sinnlichkeit ausgelöst wird, die vielleicht hier nur durch die angesprochene Sperrung der Sichtbarkeit hervorgerufen wird, ein Bild unter Verunmöglichung eines Bildes, ein Bild, das durch seine Verunmöglichung ein vielleicht ganz anderes Bild auslöst.

Die Sicht der Erblindenden ist ein Tasten mit dem Auge. Die Berührung wiederum ist für sie ein Einschnitt, eine Verwundung, um die Wunde, die dabei in die Haut der Berührten gerissen wird mit Imagination erneut zu verschließen, sie im Bild vernarben zu lassen.

Was aber zu sehen ist und wovon einzig die Audiodeskription spricht, ist das, was das „normalsichtige“ Auge sieht. Die sehbehinderte und blinde Sicht ist hingegen nicht zu sehen, sie ist nicht darstellbar und diese Nichtdarstellbarkeit kehrt wie ein Menetekel immer wieder ins Bild der „Normalsicht“ zurück, ruft sich gleichsam als Schnitt durch sie ins Gedächtnis, ohne dass inhaltlich darüber gesprochen werden müsste, was die Dialoge natürlich dennoch in verschiedenen episodenhaften Variationen tun. Dadurch trennt Vivien Hartmann das Sehen vom Sprechen, das Sprechen vom Bild, die „Normalsicht“ der Sehenden ist über Audiodeskription vermittelbar, die Sehbehinderung und Blindheit ist es nicht und gerade in diesem absolutem Bruch, der Schranke zur absolut unerreichbaren Subjektivität der Sehbehinderten/Blinden liegt die Kraft und Genauigkeit von Vivien Hartmanns Film: eine Darstellung des Nichtdarstellbaren ohne es tatsächlich darzustellen. Gerade die Blockierung des Blickes unter der Darstellung der Sehend-Nichtsehenden bringt ein Bild des Bildlosen hervor, ohne es zu zeigen, es aufzuzeigen: stattdessen erscheint ein Bild des Sehens selbst, das es gar nicht gibt, gar nicht geben kann und erst recht nicht vom Bild der Nicht-Sehenden aus, zumindest erscheint es so. Denn was wäre, wenn das Sehen überhaupt erst von der Erblindung aus zu denken und verstehen wäre, vom Ungenauen aus, vom Verschwommenen aus, oder: ist vielleicht der Wahn zur präzisen „Normalsicht“ und die ihr innewohnende Tilgung des Ungenauen einer Paranoia geschuldet, die einmal mehr Jagd auf das Andere, das „Anormale“ macht, um es auszumerzen.

In Momenten behutsamer Intimität lässt die Regisseurin andererseits eine Kommunikation verschiedener Sinne miteinander entstehen, lässt ihren Protagonisten einen kleinen Frosch auf seiner Hand krabbeln und ruft im Inneren blinder Zuschauer*innen die Empfindung der Berührung mit den Beinen des Tieres hervor und mit Sicherheit nicht nur im Inneren der Blinden.

Eine Szene, in der die Doppeldeutigkeit des Titels hervortritt, spielt sich in der S-Bahn ab, wo Jan Meuel einer Frau im kurzen Rock gegenüber sitzt. Der Titel des Films, Ich sehe was, was du nicht siehst, eigentlich ein Spiel, um Kindern die Zeit bei Reisen zu vertreiben, stellt eine Binsenweisheit dar, die, nähmen wir sie ernst, uns allen viele Missverständnisse zwischen Sehenden und Blinden wie Sehbehinderten ersparen würde. Jan Meuels „verschwommener Blick“ schaut auf ihre nackten Beine und ihre Tasche, in der sie irgendwann zu suchen beginnt, schaut auf sie und wird dabei von der Kamera beobachtet, die sieht, wie die Frau ein Stück Papier und einen Stift herauszieht und zu schreiben beginnt. Später, die Frau hat die S-Bahn verlassen, entfaltet er den Zettel, den er ganz nahe vor sein Auge hält und liest, liest und schmunzelt.

„Ich fotografiere deutlich weniger als vor meiner Erkrankung, das liegt daran, dass ich vielmehr als noch davor das Gefühl habe, das kann man mit einem Bild gar nicht auffangen“, so Jan Meuel im Originalton des Films. Was aber meint auffangen, meint es einfach einfangen als festhalten, oder meint es vor dem Absturz bewahren, das Bild als Sicherheitsnetz, das einfach nur noch versagt und was dann, was geschieht mit dem Realem, das kein Bild mehr davon abhält in den Körper der Erblindeten einzudringen, oder ist das schlichtweg eine paranoide Imagination eines anderen Erblindeten, des Autors nämlich, für den mit der Erblindung sich das Bild von den Gegenständen, den Menschen, den Ereignissen löste und die nackte Welt zurückließ, die in einer jeden Berührung ungehindert in ihn eindringt.

Unter Wasser in einem Schwimmbecken denkt Jan Meuel über die Zunahme seiner Sehbehinderung nach, beobachtet sie im Nachhinein in Erzählungen. Aufgetaucht taucht er in eine strömende Menschenmenge ein und sein undeutlicher Blick bewegt sich zwischen Menschen hin und her, als suche er etwas und das tut er letztlich auch, sucht etwas, das er erkennt, das seinen Blick festhält, ihn für einen kurzen Moment aus dem Fluss des Realen herausreißt, Wirklichkeit in einem Begriff zu sich kommen lassend, Freund*innen mit der ihnen eigenen Geschichte wiederfindend, die ihn mit ihnen verbindet.

Videostill: Ich sehe was, was du nicht siehst © Vivien Hartmann
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